Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke, (c) Foto: Jara Reker
Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke
(c) Foto: Jara Reker

Eine gute Geschichte ist unschlagbar. Wenn der tote Papst Johannes Paul II. wegen seines sich nicht zersetzten Blutes schneller heiliggesprochen wird, prüft niemand, ob nicht jedes Blut in einem luftdichten Beutel oder Röhrchen mit Bluterhaltungsmittel sich nicht zersetzt. Dass Gottes Liebe mächtiger als Fäulnis ist und dem Tod so ein Schnippchen schlägt, ist aber einfach cooler als chemische Tatsachen. Vor allem, wenn jemand diesen nun bewiesen mächtigen Gott gut findet und an seinen Honigtropfen saugen darf. Dass die Grundannahme nicht stimmt, spielt naturgemäß keine Rolle.

Während des Covid-19-Irrsinns untersuchten wir in unserem Labor massenhaft angebliche Lebewesen im Patient:innen-Blut, in deren Nasenschleim und auf Test-Stäbchen. Auf den Stäbchen (zum Beispiel) waren es Textil-Fasern – unter dem Mikroskop deutlich zu erkennen. Diese bewegten sich wegen der Abstoßungskräfte tatsächlich manchmal ein wenig hin und her. Die Auftraggeber:innen blieben dabei, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Die für jede:n prüfbare Tatsache, dass alle Wohnungen weltweit voller Textil-Fasern sind, diese dann aber als harmlos gelten und nicht als Morgellonen, Würmer oder Wesen aus einer anderen Welt, war egal. Spannender waren Gruselwesen. Kann ich verstehen. Es stimmt halt nur nicht.

Ähnlich lief es mit den durch Impfen angeblich magnetisch gewordenen Kindern. Obwohl ich demonstrierte, dass nichtmagnetische Gegenstände genau so gut haften, ein Kompass seinen Ausschlag nicht verändert und Babypuder auf die Haut den angeblichen Magnetismus »wegzaubert«, blieben doch »Zweifel«. Welche? Na, dass das Kind vielleicht trotzdem magnetisch ist.

Gegen jeden Beweis, gegen das eigene Erleben, gegen die Messung anzuglauben, das nervenkitzelt. Das macht einen Menschen besonders und ist eine spannende Geschichte. Und die kann sich wie bei Geisterwesen, Untoten und Märchen durch Generationen ziehen. Live erlebt habe ich diese Weitergabe bei der Frau, die sich in Belgien selbst entzündet hatte. Sie war unsere Auftraggeberin, knallsachlich und wollte nur eins: dass sie oder ihre Familie nicht nochmals entflammen. Nach mehrjährigen Versuchen haben wir das Rätsel mit den Besonderheiten ihres Einzelfalles geknackt: Sie hatte eine weiße „Muschel“ aufgesammelt, die aus angeschwemmtem, brennbarem Material einer Kriegs-Bombe bestand. Die Familie war von da an vorsichtiger, der Fall wurde breit veröffentlicht. Doch schon wenige Jahre später hörte ich von einer geheimnisvollen Frau, die sich in Belgien entzündet haben sollte. Der gruselige Teil der Geschichte hatte sich eingeprägt und wurde weitergetragen, die Auflösung nicht.

Ich bin nicht unglücklich, dass sich solche kraftvollen Quatsch-Erzählungen halten. Sonst hätte ich nie untersucht, warum angebliche Vampire tatsächlich nach deren Ausgrabung so aussehen, wie es seit dem Jahr 1732 beschrieben wird: Von bakteriellen Gasen aus dem Mund gedrücktes Blut und vieles mehr — also wegen der von uns so genannten Fäulnis-Erscheinungen. Es stimmte, wie in den anderen, oben geschilderten Fällen die Beobachtung, nur deren Auslegung nicht.

Im Laufe der Jahrzehnte bin ich daher mild geworden gegen Märchen und Mythen. Wo andere sich ärgern, nehme ich sie als Aufforderung, Versuche anzustellen und es dann noch besser zu erklären.

Es freut mich, dass Sie es ähnlich sehen und sich der Sache künstlerisch nähern. Ohne Fehlauslegungen der Menschen würden aufklärerischen Kunstwerke nicht entstehen. Und das wäre doch schade.

Dr. Mark Benecke
Kriminalbiologe

Leipzig, Januar 2021